KASPAR von Peter Handke [16.06.2010 in Bochum auf dem megaFon Festival]
Ein Mensch kommt auf die Bühne, halb Clown, halb Kind. Zu Beginn unartikuliert, grotesk, „pudelnärrisch“, wird er von anonymen „Einsagern“ durch Sprechfolterung selbst zum Sprechen gebracht. Standardisierte Sprachmuster, Alltagsweisheiten und Moralvorstellungen machen aus ihm ein Individuum, das ordentlich „Ich“ sagen kann und seine Kleidung nie falsch knöpft. Er kann sich repräsentieren, kann sich bemerkbar machen, doch der Disziplinierungsprozess, den er durchlaufen hat, kostet ihn auch die Freiheit, anders zu sein: ungeschlacht und sensibel, roh und poetisch.
Peter Handkes Kaspar unterzieht unsere Vorstellungen von Individualität einer scharfen Kritik: nicht Eigenständigkeit, sondern Leben in vorgegebenen Formen wird von der Gesellschaft belohnt. Was Kaspar auf der Bühne durchmacht, findet tagtäglich statt: sich anpassen, den anderen aufs Maul schauen um ihnen danach zu reden, sich gleichzeitig selbst behaupten und selbst verleugnen. Auf Facebook-Profilen und in Reality-Shows wird die Frage „Wer bin ich?“ durch Blättern in einem Katalog vordefinierter Charaktereigenschaften beantwortbar. Wer ausbricht, wird schief angesehen.
Veit Kassels Adaption von Handkes modernem Klassiker gibt dem gesellschaftlichen Anpassungsdruck ein Gesicht. Vier Darsteller – eine Gebärdensprachlerin, eine Tänzerin, ein Schauspieler und ein Bulgare – werfen sich hier mit ihrer jeweils eigenen Ausdrucksform auf die Bühne. Abwechselnd Gleichmacher und Gleichgemachte, unterziehen sie sich reihum dem Kaspar-Prozess. Die Anpassung wird nicht von außen gefordert, sondern entsteht aus der Mitte dieser kleinen Gemeinschaft, die doch nur eines will – Kaspar sein. |